Të reja

13. Geburtstag

Ein Jahr, drei Jahre, fünf Jahre...Nein: 13, in Worten Dreizehn Jahre sind wir jetzt da, um Betroffene von Zwangsheirat zu unterstützen.

Inzwischen haben wir über 2100 Betroffene beraten und begleitet. Viele davon haben mittlerweile eigene Familien und führen ein selbstbestimmtes Leben. Zudem waren wir an 455 Schulen in ganz NRW und haben Präventionsveranstaltungen durchgeführt.

Wir werden diese tolle und wertvolle Arbeit weiterführen, solange Mädchen und Jungen in ihrer Selbstbestimmung beschnitten werden. Für diese Grundrechte werden wir uns auch weiterhin einsetzen.
Herzlichen Glückwunsch an alle, die im Laufe der Zeit Teil des Teams waren.

Wir sind jetzt bei Instagram!

Wir haben unseren Zugangsweg erweitert und sind jetzt auch bei Instagram.
Auf unserem Account Aktion_Selbstbestimmt posten wir Bilder aus unseren Projekten, Geschichten von Euch und lesenswertes zum Thema Zwangsheirat, Gewalt im Namen der "Ehre" u.v.m..

Wir freuen uns darauf, unser neues Profil mit Informationen und wissenswertem zum Thema Gewalt zu füllen, um möglichst viele Betroffene und Interessierte zu erreichen.

Folgt uns unter dem Profil Aktion-Selbstbestimmt unter folgendem Link:

https://www.instagram.com/aktion_selbstbestimmt/

Insta Logo  

Wir haben einen neuen Zugangsweg!

Wir bieten seit Juni diesen Jahres auch einen Erstkontakt über die App "Signal" an. Diese kann kostenlos heruntergeladen werden und funktioniert im Prinzip wie "WhatsApp". Allerdings kann hier der Chat und der Zugriff darauf durch dritte Personen gesichert werden. Wie das ganze funktioniert kannst du hier weiterlesen.

Die Kontaktzeiten sind über die App unter der Nummer 0178 68 68 396 folgende:

  • Montag: 9.30 - 15.00
  • Mittwoch: 9.30 - 13.30
  • Donnerstag: 12.30 - 15.00
  • Freitag: 9.30 - 13.30

Hinsehen und Handeln- auch und gerade in Zeiten von Corona

Wir alle sind mit der Corona-Krise beschäftigt und alle überlegen fieberhaft, wie was in welchem Falle getan werden muss, damit wir alle möglichst unbeschadet daraus hervorgehen.

Insbesondere im beruflichen Kontext geht es darum, immer wieder abzuwägen und neu zu bewerten.

Die Begriffe Risiko, Angst, Gefahr und auch Schutz sind zunehmend in aller Munde ebenso wie die Begriffe Solidarität und Verantwortung.

Selten hat es ein Thema gegeben, was alle im Gespräch verbindet und von dem sich keiner in der potentiellen Betroffenheit ausschließen kann.

Und doch gibt es Unterschiede in der Bedrohlichkeit der Betroffenheit und auch in der Betroffenheit der sekundären Auswirkungen. So werden sinnvoller Weise immer wieder die sogenannten Risikogruppen benannt wie ältere Menschen und Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Vorerkrankungen oder auch die, die aufgrund der Schutzmaßnahmen in ihrer beruflichen Existenz bedroht sind wie beispielsweise Beschäftige der Hotelbranche.

Nach und nach werden sicher noch mehr Unterschiede in den primären oder sekundären Auswirkungen des Virus auftreten oder ins Bewusstsein geraten. Schon jetzt ist klar, dass es nicht nur um die primären gesundheitlichen Folgen gehen wird sondern vermehrt auch psycho-soziale Folgen zu erwarten sind.

Als Mädchenhaus Bielefeld e.V. und damit als Jugendhilfeeinrichtung und als Verein, der im Schwerpunkt zum Thema Gewalt an Mädchen und jungen Frauen arbeitet, möchten wir an dieser Stelle die geschlechtsspezifischen Risiken benennen, die sich aus dieser  Krise für Mädchen und Frauen ergeben können.

Meldungen aus China bestätigen, was Fachberatungsstellen und Schutzeinrichtungen für Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt auch in Deutschland befürchten: In der aktuellen Krisensituation mit starken Einschränkungen im öffentlichen Leben steigt die Gefahr für Frauen und Kinder, häusliche und sexualisierte Gewalt zu erfahren. Das eigene Zuhause ist zu oft kein sicherer Ort. Laut einer Pekinger Frauenrechtsorganisation war die Zahl der Betroffenen von häuslicher Gewalt, die sich während der verordneten Quarantäne an die Hilfsorganisation gewandt haben, dreimal so hoch wie zuvor.

Während das Gewaltrisiko steigt, fallen Verletzungen oder Unterstützungsbedarfe von Betroffenen weniger auf, wenn Betroffene z.B. nicht mehr in die Schule, zur Arbeit oder in den Sportverein gehen.

Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die von Gewalt im direkten sozialen Umfeld betroffen sind, kann die aktuelle Situation bedeuten, Täter*innen ständig ausgeliefert zu sein. (vgl.www.bundeskoordinierung.de)

Als Beratungsstellen des Mädchenhauses machen wir uns Sorgen um die Mädchen und jungen Frauen, von denen wir wissen bzw. vermuten, dass sie im häuslichen Kontext von Gewalt betroffen oder bedroht sind oder ihnen dort  kaum persönliche Freiräume zugestanden werden.

Für viele dieser Mädchen und jungen Frauen bedeutet beispielsweise der  Schulbesuch sehr viel mehr als Lernen und Vorbereitung auf einen Abschluss sondern vielmehr Freiheit, Selbstbestimmung, Kontakt, Sicherheit und Schutz sowie auch die Möglichkeit von Beratungsgesprächen während der Unterrichts- oder Betreuungszeit.

Und: was vielleicht das Wichtigste ist: es bedeutet im Blick zu sein von Lehrer*innen, Schulsozialarbeiter*innen, Berater*innen und Freund*innen.

Die flächendeckenden Aufrufe für eine solidarische Nachbarschaft sind sehr wichtig und auch ein hilfreicher Ansatz zum Thema häusliche und sexualisierte Gewalt.

Noch mehr als zu anderen Zeiten sind insbesondere von Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche darauf angewiesen, dass sie wachsamen Menschen begegnen, die ihnen Unterstützung und Hilfe anbieten oder ihnen dabei helfen, Hilfsangebote zu finden.

Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir alle unsere Mitmenschen in einen wohlwollenden und schützenden Blick  nehmen, die sonst schnell aus dem Blick geraten und das sind auch gewaltbetroffene Kinder, Jugendliche und Frauen.

Wir möchten Mädchen und junge Frauen ermutigen, sich bei sexualisierter oder häuslicher Gewalt Unterstützung zu suchen und damit nicht allein zu bleiben. Wir als Beratungsstellen des Mädchenhauses und auch die meisten anderen Hilfs- Beratungseinrichtungen in Bielefeld sind auch weiterhin telefonisch und online und evtl.im Krisenfall persönlich erreichbar und beraten gerne.

Auch Bezugspersonen können sich an uns wenden, wenn sie unsicher sind, wie sie Betroffene unterstützen können.

Alle ambulanten und stationären Einrichtungen des Mädchenhaus Bielefeld e.V. halten ihre Arbeit aufrecht und sind erreichbar. www.maedchenhaus-bielefeld.de

Expertin warnt: Deshalb sind die Sommerferien so gefährlich für viele Mädchen

(Artikel aus: DER WESTEN vom 15.07.2019)
 
Duisburg/Bielefeld. Mit dem Start der Sommerferien an diesem Wochenende beginnt für die meisten Kinder und Jugendlichen die schönste Zeit des Jahres! Urlaub auf Mallorca, wochenlange Besuche der Großeltern oder Toben bei Sonnenschein im Schwimmbad. Doch nicht für alle sind die Sommerferien eine unbeschwerte Zeit. Denn für einige Mädchen aus der Türkei, aus arabischen Ländern oder auch aus dem Kosovo, Indien oder Afghanistan enden die Sommerferien mit einer Heirat gegen ihren Willen.
 
Ihre eigenen Familien nutzen die Reise ins Heimatland, um die Mädchen und jungen Frauen zu verheiraten. Einmal angekommen, werden ihnen oft Pass, Rückflugticket und Handy abgenommen, im schlimmsten Fall werden sie eingesperrt oder massiv überwacht.
 
Mädchen und jungen Frauen droht Zwangsheirat in Sommerferien
 
Sylvia Krenzel bietet betroffenen Mädchen Hilfe. Die Psychologin ist Leiterin der Beratungsstellen gegen Zwangsheirat in NRW im Mädchenhaus Bielefeld. Es ist NRW-weit der wichtigste Anlaufpunkt bei drohender Zwangsheirat. „Zwangsverheiratung ist eine familiäre Gewaltform“, sagt Krenzel. Sie könne sehr unterschiedlich verlaufen und für das betroffene Mädchen lange bekannt sein oder durch ein verdecktes Vorgehen der Familie für sie unerwartet kommen, so die Expertin.
 
Der Großteil der Hilfesuchenden landen durch Unterstützung von Lehrern oder Freunden bei der Bielefelder Beratungsstelle. „Wir hatten auch schon Partner, deren Freundinnen zwangsverheiratet werden sollten, die sich an uns gewendet haben und fragten: 'Was können wir tun?'“, erzählt Krenzel. Die meisten Mädchen seien zwischen 16 und 21 Jahren, vereinzelt gebe es aber auch 13- oder 14-Jährige, die um Hilfe bitten würden. Die älteren Mädchen meldeten sich vorwiegend über die anonyme Online-Beratung, die Jüngeren kämen über Vertrauenspersonen.
 
Bruch mit Familie ein gewaltiger Schritt
 
„Entscheidend für die Beratung ist immer, ob das Mädchen selbst sich vorstellen kann, sich mit behördlicher Unterstützung gegen den Willen der Familie zu stellen oder ob sich das Mädchen aufgrund von Angst oder Ambivalenz das nicht vorstellen kann“, so die Psychologin. Denn sicher ist: ein Bruch mit Familie und Umfeld und der Weg in ein Frauenhaus ist ein gewaltiger Schritt. „Keiner möchte den Schritt gehen, wenn es lebbare Alternativen gibt.“ Manchmal könne später die Einsicht bei den Familien kommen, doch oft verschärfe sich auch die Situation nach einer Rückkehr eines Mädchens in die Familie. Manche Menschen haben aus Furcht vor einer Zwangsheirat daher ganz mit ihrer Familie gebrochen.
 
Die Motive der Familien sind dabei ganz unterschiedlich. Sie reichen von patriarchalen und traditionelle Wertevorstellungen, einer Wiederholung der Elternerfahrung über eine prekäre sozioökonomische Absicherung bis hin zu aufenthaltsrechtlicher Sicherheit von Familienmitgliedern, so die Expertin. Auch die Angst vor Verlust ihres Ansehens in der kulturellen oder religiösen Gruppe lasse manche Eltern noch immer an dieser Tradition festhalten.
 
Was auffällt: Über die Hälfte der Betroffenen haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Auch in der zweiten und dritten Migranten-Generation bleibt das Problem bestehen. Und längst ist das Thema nicht nur auf Mädchen beschränkt. „Auch Jungen und junge Männer sind von Zwangsverheiratung betroffenen. Bei uns liegt der Anteil der männlichen Ratsuchenden bei etwa zehn Prozent“, so Krenzel.
 
Plätze in Klassenzimmern bleiben leer
 
Und so kehren Mädchen und Jungs nach den Sommerferien manchmal nicht mehr zurück. „Ja, auch in Duisburg bleiben nach den Ferien – und nicht nur nach den Sommerferien – vereinzelt Plätze leer“, sagt Nicole Seyffert, Gleichstellungsbeaufttragte der Stadt Duisburg. Die Stadt kooperiert bei dem Thema mit MABILDA e.V. und Solwodi e.V. und leistet so Aufklärungarbeit bei Schulen und Eltern. Im vergangenen Jahr betreute allein MABILDA 80 Fälle in Duisburg.
 

Anonyme Zufluchtstätte der Fachberatungsstelle im Mädchenhaus Bielefeld:

  • Tel.: 05 21 - 2 10 10
  • Tag und Nacht erreichbar
  • Fachberatungsstelle gegen Zwangsheirat: www.zwangsheirat-nrw.de
  • Mabilda e.v. Duisburg: Beratung unter 0203-510010


Bei der Fachberatungsstelle melden sich im Durchschnitt 150 Ratsuchende im Jahr beraten. Darunter sind Betroffene, bei denen die Zwangsverheiratung bereits stattgefunden hat, aber auch welche, die Angst davor haben, dass ihnen das irgendwann passieren könnte oder Fälle, in denen schon konkrete Vorbereitungen dazu getroffenen wurden. Doch aktuelle, verlässliche Zahlen in punkto Zwangsheirat für NRW gibt es indes keine. Bundesweite Umfrage-Zahlen sind mehr als zehn Jahre alt. Für Duisburg seien jedoch die Beratungszahlen rückläufig, so Seyffert. „Es spricht sich in den Familien herum, dass Zwangsverheiratung in Deutschland verboten ist und rigoros verfolgt wird. Insofern findet vermutlich ein Umdenkprozess statt.“

Infoschreiben an Schulen

Das hängt wohl auch damit zusammen, dass viel an Prävention gearbeitet wird. „Wir haben dieses Jahr NRW-weit einen Infobrief zum Thema Ferienverschleppung an die weiterführenden Schulen verschickt und hatten viel Resonanz darauf“, so Sylvia Krenzel von der Bielefelder Koordinationsstelle.

Wir ermutigen die Mädchen und jungen Frauen, sich und ihre Bedürfnisse und Wünsche ernst zu nehmen und mit professioneller Unterstützung nach Wegen und Lösungen zu suchen, wie ihre Handlungsspielräume erweitert werden können und wie ihr Menschenrecht auf Selbstbestimmung und Gewaltfreiheit erreicht werden kann. Die Wege dahin können ganz unterschiedlich sein und es lohnt sich, es zu versuchen!“

Vor den Sommerferien: Zwangsehe statt Sommerferien

(Artikel aus: Rheinische Post vom 11.07.2019)
 
Düsseldorf. Auch in der zweiten und dritten Migranten-Generation sind Frauen in Deutschland immer noch von Zwangsverheiratung bedroht. Besonders vor den Sommerferien steigen die Anfragen in den Beratungsstellen, weil Mädchen Angst haben, aus dem Urlaub im Herkunftsland ihrer Familie nicht zurückzukommen. Als Ausweg bleibt manchmal nur der Bruch mit den Eltern.

Wenn Lendita Mustafaj (Name geändert) von dem Tag erzählt, als sie ihre Familie verlassen hat, sind die ganzen Gefühle wieder da. Es war ein Frühlingstag Ende der 90er Jahre – „es war warm, aber noch nicht richtig Sommer. Vielleicht war es April oder Mai“, erzählt sie. Damals wartete sie bis niemand mehr zu Hause war, packte einen Rucksack mit ein paar persönlichen Sachen und verließ ihr Elternhaus für immer. „Ich war gerade 18 geworden und wusste, dass meine Eltern zumindest rein juristisch nicht mehr über mich bestimmen durften“, sagt Mustafaj. Sie wollte sich dem strengen Regiment der Eltern entziehen, nicht den Mann aus Albanien heiraten müssen, den sie für sie ausgesucht hatten. Sie zog zu einer Arbeitskollegin aus der Ausbildung, die sie damals absolvierte, und brach den Kontakt zunächst ab. Ihren neuen Wohnort hielt sie über Jahre geheim.

Immer wieder werden Mädchen mit Migrationshintergrund gegen ihren Willen im Herkunftsland der Familie verheiratet. Kurz vor den Sommerferien steigt die Anzahl der Beratungsanfragen in den Hilfestellen zu dem Thema. Nicht immer wissen die Mädchen, was beim Heimaturlaub auf sie zukommt. Manchmal werden sie auch unter einem Vorwand ins Ausland gelockt. Beispielsweise dass ein Verwandter im Sterben liege und man deswegen schnell in die Türkei, den Irak oder ein anderes Land reisen müsse. Vor Ort warten dann ein ausgesuchter Verlobter und eine von den Eltern arrangierte Ehe auf sie.

Dabei sind Zwangsverheiratungen entgegen vieler Klischees nicht allein ein islamisches Phänomen, sondern finden sich vor allem in Familien mit streng patriarchalischen Strukturen. 150 Fälle betreut die Fachberatungsstelle gegen Zwangsheirat in NRW jedes Jahr, die Dunkelziffer betroffener Mädchen wird deutlich höher geschätzt. Die Beratungsstelle ist beim Mädchenhaus Bielefeld angesiedelt und hat vor wenigen Wochen ein Informationsblatt für Schulen in NRW rausgegeben, um Lehrer und Schulsozialarbeiter auf das Problem aufmerksam zu machen. „Die Schule ist oft der einzige Lebensraum, wo die betroffenen Mädchen ohne familiäre Kontrolle agieren können“, sagt Sylvia Krenzel , die die Fachberatungsstelle leitet. Zwar melden sich das ganze Jahr über Betroffene und suchen Hilfe, jedoch müsse kurz vor den großen Ferien besonders schnell gehandelt werden. „Wenn die Mädchen erst einmal ihren Abschluss gemacht haben, ist der Einfluss der Schule vorbei, und es ist viel schwieriger Kontakt zu ihnen aufzunehmen.“

Oft suchen Mädchen und junge Frauen viel zu kurzfristig nach Hilfe. „Viele verdrängen das dumpfe Gefühl im Bauch. Erst wenn der Hochzeitstermin schon steht und die Flugtickets gekauft sind, merken sie, dass ihre Familie es wirklich ernst meint“, erzählt Krenzel. In solchen Fällen versucht die Beratungsstelle, alles daran zu setzen, dass die junge Frau Deutschland gar nicht erst verlässt. Eine Betroffene aus dem Ausland wieder zurückzuholen, ist sehr viel schwieriger als hier Einfluss zu nehmen. Oft nehmen die Familienmitglieder ihr in solchen Fällen die Pässe ab. Entscheidend sind das Alter und die Staatsangehörigkeit der Betroffenen. „Für Unter-18-jährige Deutsche ist das Jugendamt ohne Wenn und Aber zuständig. Liegt der Fall anders, liegt es im Ermessen der Behörde, ob und wie sie vorgeht“, so Krenzel.

Aber welche Möglichkeiten gibt es für Mädchen, sich einer Zwangsheirat zu entziehen? Bei rund einem Drittel aller Beratungen steht laut Fachberatungsstelle eine Inobhutnahme im Raum. Das bedeutet, dass die Mädchen ihre Familie verlassen, den Kontakt abbrechen und an anderer Stelle ein neues Leben beginnen. Ein radikaler Schritt.

Wie radikal, das bekam Lendita Mustafaj zu spüren. „Am schwierigsten war es für mich, meine jüngeren Geschwister zurückzulassen“, berichtet sie. Einige Zeit, nachdem sie damals ihre Familie verlassen hat, gab es wieder unregelmäßigen Kontakt, die junge Lendita wurde bedrängt, wieder zurückzukommen. Sie brächte Schande über die Familie, den Eltern drohe der totale Gesichtsverlust innerhalb der albanischen Gemeinschaft, die soziale Isolation. Die Eltern würden krank vor Sorge. Die kleinen Geschwister vermissten sie schrecklich. Sie sei verantwortlich für das Unglück ihrer gesamten Familie. „Diesen Vorwürfen standzuhalten war das Schwerste“, erinnert sich Mustafaj. Dabei wollte sie nie ganz mit ihrer Familie brechen oder gar ihre Herkunft verleugnen. Ihren Mädchenname trägt sie bis heute. „Ich wollte einfach selbst über mein Leben bestimmen.“ Ohne die Unterstützung ihrer Kollegin und ihres Ausbildungsbetriebes hätte sie es damals nicht geschafft.

„Ein gutes Netzwerk ist Voraussetzung, um eine so folgenreiche Entscheidung durchzuziehen“, weiß auch Adrijane Mehmetaj-Bassfeld von Agisra e.V.. Der Verein aus Köln begleitet junge Frauen auf dem Weg aus der Familie. Dieser werde zusätzlich dadurch erschwert, dass die Frauen sich nach dem Schritt in die Selbstständigkeit häufig Rassismus und Diskriminierung ausgesetzt sehen, so Mehmetaj-Bassfeld. „Viele Frauen trauen sich nicht, weil sie ahnen, dass sie dann nicht nur mit dem Alleinsein, sondern noch mit ganz anderen Problemen zurechtkommen müssen.“

Auch Lendita Mustafaj musste solche Erfahrungen machen. „Nachdem ich meine Familie verlassen hatte, wollte ich eine eigene Wohnung mieten. Die Vermieter zogen mir den Mietvertrag unter der Nase weg, als sie meinen ausländischen Nachnamen hörten“, erinnert sie sich. Heute mit Anfang 40 hat sie Distanz und kann gut von ihrer Situation erzählen, damals als 18-jähriges Mädchen zerriss es ihr oft das Herz vor lauter Verzweiflung. Inzwischen hat Mustafaj sogar wieder respektvollen Kontakt zu ihren Eltern, für ihre Geschwister war sie ein Vorbild. Auch sie haben sich gegen eine erzwungene Ehe innerhalb der albanischen Gemeinde gewehrt und ihre Lebenswege selbst gestaltet.