Ihre Hände sind gebunden, ihre Münder verklebt. Liridone, Paula, Saskia und Delia, 18 und 19 Jahre alt, haben sich dazu weiße Hochzeitskleider angezogen. Dann bekommt jede der Oberstufenkolleg-Schülerinnen einen Mann an ihre Seite beordert. Den Unbekannten, so stellen sie es sich vor, müssen sie heiraten. Mit der Aktion versuchen sie, das Erleben von Mädchen und Frauen zu simulieren, die zwangsverheiratet werden. "Bedrückend" fühle sich das an, bestätigen sie.
Mit dem Mädchenhaus und ihrem Lehrer Tuncer Cabadag haben die Kollegiatinnen sich dem Thema angenähert - und zwar weniger auf der rationalen, sondern "viel mehr auf der Erfahrungsebene", wie Cabadag berichtet. "Ziemlich schockierend" seien die inneren Erlebnisse gewesen", sagt Saskia Krahpohl. "Mir war auch gar nicht bewusst, dass das auch hier, in unserer Nachbarschaft, passiert."
Doch genau so ist es. Davon berichteten Sevilay Inci-Kartal und Ergül Sam vom Bielefelder Mädchenhaus. Die beiden Frauen arbeiten bei der Fachberatung gegen Zwangsheirat. "150 bis 160 Mädchen und Frauen wenden sich jährlich an uns", sagt Inci-Kartal. "Das sind die, die sich trauen." Die meisten wohnen in der Region und im Land NRW. Die Beraterinnen rechnen mit einer hohen Dunkelziffer bei Zwangsehen.
Meistens sind Mädchen und Frauen betroffen - sogar Zwölfjährige haben sich schon gemeldet -, manchmal auch Männer. "Patriarchalische Strukturen" seien der Hauptgrund für diese Praxis, erklären Inci-Kartal und Sam. "Es geht um Kontrolle, um die Angst, dass sich die Töchter zu sehr den westlichen Werten annähern oder auch darum, Homosexualität - aus Sicht der Eltern - zu heilen", erklärt Sevilay Inci-Kartal.
Die Beraterinnen stärken die Mädchen, die zu ihnen kommen. "Wir erklären ihnen, dass Zwangsheiraten mit keiner Religion zu rechtfertigen sind", sagt Inci-Kartal. "Die Mädchen sollen selbstbewusst zu ihren Eltern gehen. "Dafür müssen sie auch wissen, welche Rechte sie haben", sagt Sam. Viele kennen diese nicht, vor allem, wenn sie aus Kulturen zugewandert sind, in denen Frauen traditionell weniger Mitsprache zugestanden und Wert entgegen gebracht wird als Männern.
Für Kollegiatin Liridone Ramadani ist es besonders schockierend, dass Mädchen, die sich dem Diktat von Eltern oder Familie verweigern, oftmals sozial ausgeschlossen werden. "Liebe ist doch das Stärkste, was es gibt", sagt sie, wissend darum, dass die Betroffenen oft hin und hergerissen sind zwischen Liebe und Loyalität zu Mutter und Vater einerseits und Durchsetzung ihrer Persönlichkeitsrechte.
Das ganze Drama für die Mädchen in Zwangsehen haben Liridone und die anderen Projektteilnehmerinnen in einem Kurzfilm zusammengefasst. Den verwendet das Mädchenhaus nun zur Veranschaulichung. Hier der Link zum Film: "Wir gegen Zwangsheirat!"
Die Fachberaterinnen des Mädchenhauses klären jährlich bei rund 40 Veranstaltungen über Zwangsheiraten auf. Mädchen und Frauen, die Hilfe brauchen oder nähere Informationen wünschen, können sich melden unter Tel. (0521) 521 68 79.
Sevilay Inci-Kartal (siehe Foto) berät betroffene Mädchen und junge Frauen.
(Foto: Sarah Jonek)